Hausarztmedizin

auf der Biennale in Venedig 2017

 

Es macht Spaß als Hausarzt zu arbeiten. Das Sprechzimmer ist ein beschützter Raum, in dem das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen ausgebreitet werden kann. Es ist auch anstrengend, so viel Unsicherheit und Grautöne auszuhalten, denn meistens macht es Sinn zu einer Diagnose zu kommen - man muss sich also für was schwarz-weißes entscheiden. Dabei ist es oft viel sinnvoller, erst mal das Bunte im Blick zu behalten: das Unmittelbare, das Lebendige, das Nicht-greifbare, das Unzugängliche - eben: das geballte Leben.

"Hausarztmedizin ist Jazz" war für meine Kollegin Iris Veit und mich die Metapher für eine solche lebendige Hausarztmedizin und auch der Titel für unseren Workshop auf dem DEGAM-Kongress 2016 in Frankfurt.

 

Eine Gruppe von Hausarzt*innen aus dem Listserver Allgemeinmedizin hat eine Petition gestartet mit 8 Forderungen für eine gute hausärztliche Versorgung der Zukunft.Die Petition hat über 5000 Unterschriften gesammelt und wurde an Entscheider im Gesundheitswesen übergeben


Bücher, die mir wichtig sind...

Die Lebendigkeit hat Andreas Weber zum Programm gemacht. Der Titel seines Buches "Enlivenment" steht im Kontrast zu "enlightment" - also der Aufklärung. Er plädiert dafür, die vernunftbasierte Aufklärung zu ergänzen durch eine Theorie der Lebendigkeit, die sich von der Natur inspirieren lässt: diese lebendige Natur ist verschwenderisch, kooperativ und geprägt durch Beziehungen, durch Beständigkeit.

Eine kreative Metapher für das lebendige Leben hat der Soziologe Hartmut Rosa gefunden: Resonanz. Bekannt wurde der Soziologe durch seine Veröffentlichungen zur Beschleunigung und Entfremdung. Mit dem Begriff der Resonanz entwirft er ein Konzept, das uns hilft, nach Resonanzachsen zu suchen. Es geht ihm um die Beschreibung unserer Beziehung zur Welt. "Resonanz" wirkt für mich unmittelbar anschlussfähig - ich glaube, das Nachdenken über horizontale, diagonale und vertikale Resonanzachsen kann das Gespräch zwischen Patient und Arzt*in heilend werden lassen.

Ich denke, dass die Resonanztheorie auch hilfreich ist, die Wirkung von zum Beispiel homöopathischen Behandlungen zu verstehen - siehe meinen Blogeintrag im Juni 2017 und den Pecha-Kucha Vortrag auf dem DEGAM Kongress in Düsseldorf 2017.

Siehe auch meinen Kommentar im Deutschen Ärzteblatt vom 1.12.2017: Placebo als Resonanz

Der Philosoph Hermann Schmitz hat sein Lebenswerk der Ergründung des unmittelbaren Lebens gewidmet. Mit seinen umfangreichen Veröffentlichungen hat er eine Leibphilosophie entwickelt, die mein Kollege Dirk Harms und ich in einem Beitrag für die Zeitschrift für Allgemeinmedizin beschrieben haben.

 

Die letzte Jahrestagung der Gesellschaft für Neue Phänomenologie fand vom 13.-15. April 2018 in Rostock statt zum Thema: Die Macht der Atmosphären.

Bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte der Neurologe Kurt Goldstein ein Konzept für den "ganzen Menschen". Auf der Flucht vor den Nazis schrieb er sein Lehrbuch - mit englischen und französischen Übersetzungen im Ausland geschätzt - in Deutschland vergessen und verdrängt. Dankenswerterweise gibt es seit 2016 eine Neuauflage seines Standardwerkes.

Sprachliche Bilder, Metaphern, bestimmen unser Denken und Handeln mehr als wir glauben. Gut untersucht ist dies für die politische Sprache - als "politisches framing" beschrieben. Für die Sprache beim Hausarzt fehlt eine gründliche Analyse.

Dazu habe ich am Samstag, dem 23. September (8.30-10.00) einen Pecha-Kucha-Vortrag auf dem diesjährigen DEGAM Kongress in Düsseldorf gehalten mit dem Titel: "Medizinisches framing: heilsame Sprachbilder im Sprechzimmer".

 

Eigene Veröffentlichungen:

Kamps H. Leibe-Seele-Thematik in der Allgemeinmedizin. Ärzliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, 2016 (11) 4: 217-21

Kamps, H. Buchbesprechung im Deutschen Ärzteblatt zu: Kurt Goldstein - Der Aufbau des Organismus

Kamps, H und Harms, D. Erst der Leib, dann der Körper. Z Allg.Med. 2014,9

Kamps H. Gefühle als Atmospären. Der Mensch 2011; 43/43 (1+2): 22-27

Kamps H., Harms D.: Komplexe Hausarztmedizin Z Allg Med. 2011; 87: 361-365

Kamps H. Massgeschneiderte Medizin: Der wichtige Unterschied zwischen Individuum und Person. Dtsch Ärztebl 2010; 107(50): A-2490

Kamps H., Harms D. Die medizinische Theorie passt auf zwei Bierdeckel Z Allg Med. 2010,; 86 (4): 14

Kamps H. Der Patient als Text - Metaphern in der Medizin. Skizzen einer dialogbasierten Medizin. Z Allg Med 2004; 80: 438-442

Kamps H. [The patient as a text--metaphors in medicine]. Tidsskr Nor Laegeforen 1999; 119, 2677-2680