Vom Verschwinden des Spielraums
Hartmut Rosa hat wieder ein Bestsellerbuch geschrieben – es geht, wie der Titel beschreibt, um Situationen und Konstellationen. Zu diesen Begriffen hat ihn der Philosoph der Neuen Phänomenologie Hermann Schmitz angeregt. Rosa macht sich auch die Definition zu eigen, wenn Schmitz sagt, dass Situationen von binnendiffuser Bedeutsamkeit geprägt sind, die sich nicht in einzelne Bestandteile auflösen lässt. Situationen sind unscharf – sie bestehen aus Sachverhalten und Zuständen (aus dem, was ist), aus Erwartungen (aus dem, was sein soll) und aus Möglichkeiten (aus dem, was sein könnte). Situationen sind wie Atmosphären, sie lassen sich begrifflich kaum fassen. Konstellationen reduzieren komplexe Situationen in ein Bündel einzelner, klar bestimmbarer, messbarer und oft binärer Entscheidungen. Schmitz warnt davor, die Welt in eindeutige und „multifaktorielle“ Bestimmungen aufzulösen. Dieser Warnung schließt sich Rosa an und bedauert, dass wir als in Situationen Handelnde zu Vollziehenden in Konstellationen werden. Urteilskraft könne nur aus Lebenswelten entstehen, die handelnd und spürend lebendig werden.
Das Feuilleton hat Rosas Buch eher kritisch beurteilt, da es zu anekdotisch sei (Möller in der FAZ vom 16.1.2026) oder zu kurz in der machtpolitischen Analyse (Philippen in der Jungen Welt vom 23.1.2026). Da ist der Theologe Iley Fröhlich in der Zeitschrift Ethik und Moralphilosophie deutlich differenzierter[1]. Er fragt sich, wann eine Situation zu einer Konstellation wird, oder umgekehrt, und wann wir von Handelnden zu Vollziehenden werden. Er sieht diese Dynamik auch nicht als ein entweder/ oder. Spannend in seiner Kritik ist der Bezug zu Günther Anders, dessen 70 Jahre alten Text über die „Antiquiertheit des Menschen“ [2] gerade (2025) auch englischen Lesern in einer Übersetzung zugänglich gemacht wurde. Anders adressiert den Urheber eines zunehmenden Konstellationismus eindeutiger und benennt ihn: die Technik. Noch konkreter wäre die Computertechnik mit der sogenannten künstlichen Intelligenz zu nennen. Diese lebt davon, die komplexe Welt in einzelne Faktoren aufzuteilen und diese statistisch zu analysieren. Situationen und Atmosphären sind fremde Kategorien in der digitalen Welt.
Was bedeutet die Unterscheidung von Konstellationen und Situationen für das Gesundheitswesen?
Rosa bringt selbst ein Beispiel aus der Pflege: Seit der Einführung der Pflegeversicherung 1995 besteht ein Rechtsanspruch auf Pflege – nach einem klar definierten Leistungskatalog – mit 22 unterschiedlichen Leistungskomplexen, mit dazu passenden Richtzeiten. Rosa beklagt, dass Pflegende dadurch von Handelnden mit großem Spielraum zu Vollziehenden mit der Stoppuhr in der Hand gemacht wurden. Mit der Kampagne „Pflege hat Wert“ reagierte die Caritas Hochrhein auf den Unmut der Pflegenden. Sozialstationen konnten in Einzelverhandlungen mit den Pflegekassen neue Spielräume verhandeln mit einem Modell der „IstZeitPflege“. Jetzt können sie auf täglich wechselnde Pflegesituationen reagieren: „Ich darf und muss wieder denken“ kommentiert eine Pflegerin die neue Situation in einem Beitrag der Tagesthemen.
Und in der Hausarztmedizin? Ist eine Praxis denkbar, ohne in Konstellationen zu denken? Wohl kaum, denn das würde bedeuten auf Diagnosen und Leitlinien zu verzichten. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, eine Praxis zu etablieren, die Patient und Arzt mehr Spielraum eröffnet. Spielraum, der gerade in der Hausarztpraxis wichtig ist – im Unterschied zur Facharztpraxis. In der Facharztpraxis kommen und gehen die Menschen, die Krankheiten bleiben – in der Hausarztpraxis kommen und gehen die Krankheiten, die Menschen bleiben. Menschen in sehr unterschiedlichen Situationen. Arme und reiche, einsame und gut vernetzte Menschen, heimatlose und gut verwurzelte Menschen. Eine primärmedizinische Praxis zeigt dann ihre Stärken, wenn sie die persönlichen Lebenswelten kennt, wenn sie die Erwartungen und Möglichkeiten ihrer Patienten versteht – und auch versteht, wann sie mit voller Kraft intervenieren muss und wann sie sich entspannt auf die Ressourcen in ihrem Kiez verlassen kann.
Die von Patienten und Arzt über viele Jahre gemeinsam erlebten Spielräume, mit ihren oft kuriosen und überraschenden Lösungen, sind meiner Meinung nach eine wichtige Erklärung dafür, dass die Dauer der Arzt-Patient-Beziehung heilsam und beschützend ist: sie schützt vor unnötigen Notarzteinsätzen, vor unnötigen Behandlungen im Krankenhaus und ermöglicht ein längeres, gesundes Leben[3].
Es wäre schön, wenn Rosas Buch zu mehr qualitativer Forschung anregen würde – auf der Suche nach den heilsamen Spielräumen.
[1] Fröhlich I. Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden der Spielräume. Zeitschrift für Ethik und Moralphilosophie. 2026;9(1).
[2] Anders, Günther/Die Antiquiertheit des Menschen Band 1: Beck`sche; 1956.
[3] Sandvik H, Hetlevik O, Blinkenberg J, Hunskaar S. Continuity in general practice as predictor of mortality, acute hospitalisation, and use of out-of-hours care: a registry-based observational study in Norway. Br J Gen Pract. 2021