Labor in der Drogerie

Suche nach dem Fosbury-Flop für ein Gesundheitswesen, das gut genug ist

Das Handelsblatt berichtete bereits im September 2025 über die neuen Gesundheitsangebote bei der Drogeriekette dm: Während die Analyse des eigenen Hauttyps noch gratis angeboten wird - der Weg zum Regal mit allen Hautcremes ist ja nicht weit - so kosten alle anderen Angebote Geld: knapp 15€ für ein Augenscreening mit Foto der Netzhaut und einem Sehtest. Ein online-Arzt wird vermittelt, um sich einen krebsverdächtigen Hautbefund anzuschauen. Seit Dezember 2025 hat Deutschlands größte Drogeriemarktkette sehr zum Verdruss der Apotheker auch eine online-Apotheke - mit Versand aus Tschechien.

Überraschend war für mich, dass dm auch Blutanalysen anbietet. Erst mal nur in drei ausgewählten Märkten in Berlin, Karlsruhe und Konstanz. Für knapp 25€ werden Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen analysiert. Unter 10€ kostet der Check auf die Lebergesundheit. Ich war neugierig und wollte erfahren, wie sich ein Drogeriemarkt im Gesundheitsmarkt etabliert.

 

Ein online-Termin ist schnell auf der dm.de Seite organisiert. Unter den vielen angebotenen Testpaketen wähle ich „Diabetes-Risiko“, 9 Blutwerte für 19.95€. Vier Wochen nach Start des Angebotes gibt es in Berlin auch kurzfristig noch viele freie Termine. Ich lade auch die App der kooperierenden Firma Aware auf mein Smartphone, akzeptiere, dass meine privaten Daten gespeichert werden dürfen, überweise das Geld und bekomme kurz vor dem gewählten Termin eine Erinnerung und den Rat, 12 Stunden vor der Blutentnahme nicht zu essen. 

 

Ich bahne mir den Weg vorbei an langen Regalen mit Vitaminpillen, Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika zu einem großzügigen und noch leeren Wartebereich im ersten Stock. In der Ecke steht eine vielleicht zwei Quadratmeter große Box mit zwei milchigen Glastüren. Ich werde von einer freundlichen Frau empfangen, die gerne meinen Ausweis sehen will, um bestätigt zu bekommen, dass ich auch die angemeldete Person bin. Ich werde zu einem mit zwei Armlehnen ausgestatteten Stuhl eingeladen. Die Blutentnahme wird professionell und begleitet durch beruhigendes Smalltalk durchgeführt - so wie es in jedem anderen Labor auch wäre. Konkrete Fragen zur Gesundheit oder zum ausgewählten Testpaket werden nicht gestellt. Mit der Info, dass es ein paar Tage dauern könne bis zum Ergebnis, werde ich wieder entlassen.

 

Auf der App kann ich verfolgen, dass die Blutprobe nach wenigen Stunden unterwegs zum Labor ist, und am späten Abend liegen die Ergebnisse in meinem Smartphone bereit. Für meine Hausärztin ist auch eine pdf-Datei dabei. Ein auch von meiner Hausärztin genutztes Labor schickt die Ergebnisse an die Aware Heilpraktiker GmbH. In der App wird mir erklärt, was optimale Blutwerte sind, was es bedeutet, wenn Werte im Referenzbereich sind und dass Werte auf ein moderates, hohes oder niedriges Risiko hinweisen können. Ich werde damit beruhigt, dass sieben von neun Biomarkern im Referenzbereich sind, und nur zwei außerhalb. Mein Glucosewert ist mit 5,88 mmol/l leicht erhöht und mein HDL-Cholesterin ist mit 1,53 nur knapp nicht mehr im Referenzbereich. Die übrigen Fettwerte (Cholesterin, LDL-Cholesterin, Non-HDL-Cholesterin und die Triglyceride sind alle im Referenzbereich oder sogar im optimalen Bereich. Mein HbA1c ist mit 5,5% normal. Auch mein Insulinwert ist mit 5,84 mu/l normal und der daraus berechnete HOMA-IR 1,5 macht eine Insulinresistenz eher unwahrscheinlich.

 

In der App wird mir empfohlen, meinen Lebensstil zu optimieren: mir werden ansprechend aufgemachte Infos zu herzgesunden Fetten und Ballaststoffen angeboten, Cardio-workouts fürs Herz nahe gelegt, und ich möge doch gerne weniger Alkohol trinken, das „sei mehr“: mehr Schlaf, gesündere Haut. Sport, Meditation und soziale Kontakte wären doch ein besserer Dopaminkick für meine Lebensqualität. Vier wissenschaftliche Quellenhinweise fehlen nicht: zum Beispiel wird aus dem JAMA ein Review aus dem Jahre 2023 zitiert, das beweist, wie riskant das tägliche Trinken für die Gesundheit ist. Mir wird auch der Kontakt zu einem online-Arzt angeboten, um medizinische Erklärungen und passenden Rat zu meinen Laborwerten zu bekommen.

 

Seit der Blutentnahme bekomme ich jede Woche digitale Post von der Laborfirma Aware: mit Vorschlägen, was andere als nächstes testen; mit Hinweisen, wie die Ursachen meiner Müdigkeit zu verstehen sind (vielleicht zu niedriges Ferritin, zu wenig Vitamin B12 oder Vitamin D); zum Valentinstag werden passende Laborpakete statt Blumen vorgeschlagen; zur Fastenzeit könnte ein genauer Blick auf Leber- und Fettwerte eine gute Motivation sein, durchzuhalten oder vielleicht ist Fasten doch zu gefährlich, wenn die Entzündungswerte zu stark steigen; die Wintermüdigkeit im Februar ist vielleicht doch keine mentale Erschöpfung sondern Biomarker, die ihren optimalen Bereich verlassen haben; und nach zwei Monaten ist es Zeit für eine Kontrolle: „Ein Test ist eine Momentaufnahme. Zwei Tests erzählen eine Geschichte.“ Und der Rat des kostenlosen Coaches: „Du kannst nur managen, was du auch konsequent misst.“

 

Bisher, so gut. Ich könnte zufrieden sein. Als selbstzahlender Privatpatient hätten mich die Laboruntersuchungen bei meiner Hausärztin über 50€ gekostet. Selbst ohne die überflüssige Bestimmung des Insulins hätte ich mindestens 34€ bezahlt. Ich vermute, dass dm und die kooperierende Firma Aware mit diesem Lockpreis kaum Geld verdienen. Es sind die ersten testenden Schritte in den Gesundheitsmarkt.

Andere Drogeriemärkte sind noch zurückhaltend: Rossmann will die Lage laut Handelsblatt weiter beobachten. Der Handelskonzern Müller hatte bereits im Sommer 2025 angekündigt, dass in den Märkten eine „Gesundheitswelt“ eingeführt werde, um am Megatrend Gesundheit teilzuhaben. Es solle Beratungstische und KI-basierte Informationen geben mit konkreten Produktempfehlungen.

 

Verglichen mit den Plänen von Amazon für den US-amerikanischen Markt mit seinem „One Medical Konzept“ sind diese deutschen Initiativen bescheiden. Plant doch Amazon eine umfassende Vernetzung vieler Angebote im Gesundheitswesen: primärmedizinische Praxen mit Krankenhäusern und fachärztlichen Angeboten, Lieferung von Medikamenten und Hilfsmitteln innerhalb weniger Stunden, KI-basierte Anwendungen, um die Dokumentation zu automatisieren, ein Cloud-basiertes Angebot für eine digitale Krankenakte – alles aus einer Hand.

 

Müssen wir uns Sorgen machen vor einer Amazonisierung des deutschen Gesundheitswesens?

 

Erst mal hat Amazon keine europäischen Pläne. Die Hürden sind zu hoch: US-Ärzte müssten in Deutschland anerkannt sein, Honorare müssten mit den gesetzlichen Krankenkassen vereinbart werden, der Datenschutz ist strenger, telemedizinische Angebote werden national geregelt und Apotheken müssen europakonform zugelassen werden. Können sich die Besitzer von Arztpraxen und Apotheken also entspannt zurücklehnen und zuversichtlich in die Zukunft schauen? Wohl kaum. Während landesweit immer mehr Apotheken schließen, besonders Einzelapotheken, so eröffnet dm in allen Teilen Deutschlands neue Filialen. Im Interview mit der FAZ (vom 13.10.2025) betont Handelsprofessor Carsten Kortum: „dm wird das Apothekensterben beschleunigen.“ Der dm-Chef Werner im selben Artikel: Es wird schon drei Jahre dauern, bis wir Gesundheitsleistungen in allen unseren über 2100 Filialen anbieten. Der dm-Chef sieht gute Chancen für einen Fosbury-Flop im Gesundheitswesen: neu denken und höher springen. Wenn im Gesundheitswesen gespart werden muss, wenn das Gesundheitswesen digitalisiert werden soll, wenn die Bürokratie und unnötige Regeln auch im Gesundheitswesen abgebaut werden sollen, dann findet Christoph Werner es „sympathischer, frühzeitig zu sagen: Okay, lasst uns doch mal ausprobieren, lass uns doch mal Testballons starten.“

 

Neu denken will auch der Chef der Bundesapothekerkammer Armin Hoffmann: die Apotheken wollen Menschen erreichen, die selten in eine Arztpraxis gehen und diesen regelmäßig anbieten, ihre Risikofaktoren zu untersuchen - also auch wie in der Drogerie Blutuntersuchungen anbieten: ab dem 18.Lebensjahr jedes Jahr und im Alter von 25, 40 und 50 Jahren eine erweiterte Beratung zum individuellen Erkrankungsrisiko.

 

Spätestens jetzt wird deutlich, um was es geht: mehr am Megatrend Gesundheit teilhaben, mehr vom Gesundheitskuchen abbekommen. Dabei leisten wir uns bereits eines der teuersten Gesundheitswesen der Welt. Bei uns wird zu oft operiert, wir betreiben zu viele Krankenhausbetten, wir geben in den letzten Lebensmonaten eines Menschen sehr viel Geld aus, ohne den sterbenskranken Menschen ausreichend zu helfen. Dem deutschen Gesundheitswesen wäre ein Fosbury-Flop zu wünschen: aber nicht, um noch höher zu springen, sondern um es so zu gestalten, dass es gut genug ist.

 

Auf eine Diskussion, was gut genug ist, wollen sich aber die Standesorganisationen der Ärzte und Apotheker bisher nicht einlassen. Auf die Initiative der Drogeriekette antworten die Apotheker: „das können wir auch“ und die Ärzte: „das können wir besser“. „Gut genug“ ist auch kein Kriterium, an dem sich Experten gerne orientieren. Eher geht es darum, das Beste zu erreichen, exzellent zu sein. Die Gesundheit wird als das teuerste Gut angeboten. Die weltweit von Experten angemahnte Strategie „choosing wisely“ hat im medizinischen Alltag bisher wenig Spuren hinterlassen.

 

Vielleicht kommen die weisen Ideen diesmal „von unten“ - aus der Lebenswelt der Menschen, die Hilfe im Gesundheitswesen suchen? Im Alltag leben wir nicht nach der Devise, dass nur das Beste gut genug ist, wir schauen schon auf den Preis, wir kaufen auch beim Discounter ein, und gehen eher zum Italiener um die Ecke als zum Sternerestaurant. Ein erster Schritt auf dem Weg zu einem weniger verschwenderischen Gesundheitswesen wäre es ein echtes Primärarztsystem einzuführen, also auf die heilsame und anhaltende Beziehung zu einem Hausarzt zu setzen. Norwegische Forscher konnten zeigen, dass mit jedem Jahr gemeinsamer Arzt-Patient-Beziehung das Risiko, unnötig ins Krankenhaus zu kommen, sank. Nach 15 Jahren war das Risiko vorzeitig zu sterben um 25% reduziert im Verhältnis zu den Menschen, die sich gerade erst einen Hausarzt gesucht hatten (1). Kaum eine einzelne medizinische Maßnahme ist also so hilfreich, wie über viele Jahre in die Liste eines Hausarztes eingeschrieben zu sein. Das bestätigen auch wissenschaftliche Analysen der hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg: Primärmedizin lohnt sich (2).

 

 

In einer guten Hausarztpraxis wird der Patient als Akteur in seiner Lebenswelt gesehen, mit seinen familiären Bindungen, seinen beruflichen Belastungen. In einer guten Hausarztpraxis wird in einem vertrauensvollen Gespräch ausgelotet, was noch gesund ist und was krank macht. Krankheit wird seltener mit einer Zahl gemessen. Nach vielen gemeinsamen Jahren ist es leichter herauszufinden, wann es lohnt, abzuwarten und wann es höchste Zeit ist, einen gefährlichen Verlauf abzuwenden. In einer guten Hausarztpraxis bekommen die kranken Kranken die meiste Aufmerksamkeit (3).

Ist die Blutentnahme oder der Augentest in der Drogerie eine Bedrohung oder ein hilfreicher Beitrag für das deutsche Gesundheitswesen? Weder noch - dm pickt sich ein paar Rosinen aus dem Kuchen und muss erst mal teuer dafür bezahlen. Es ist noch offen, ob es in Zukunft genug zahlungsfreudige Menschen gibt, die 125€ ausgeben wollen für 44 Biomarker des langen Lebens, wenn sie diese auch bei ihren Fachärzten bestellen können, wenn sie mal auf „Leber, Herz und Niere“ untersucht werden wollen. Noch ist dm nicht wie Amazon, die alles aus einer Hand anbieten und in den USA schon weit gekommen sind auf diesem Weg. Für Prime-Kunden kostet der 24/7 Service 99 Dollar für ein Jahr (4). Die bestellten Medikamente werden nach wenigen Stunden geliefert und der Weg zur drop-in Praxis ist nicht weit. Wenn wir in Deutschland so weiter machen wie bisher, dann rollen wir für digitale Plattformen den roten Teppich aus, denn diese können mit einem Service rund um die Uhr punkten.

 

Noch haben wir die Zeit nach dem Fosbury-Flop fürs Gesundheitswesen zu suchen. Im ambulanten Bereich könnten sich Vertreter von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen, Krankenkassen und Länder und Kommunen an einen Tisch setzen und kreativ nach Versuchsballons suchen, die neue Projekte beschreiben oder bereits laufende Projekte weiterentwickeln. Helfen würde ein Gesetz, wie es in Frankreich existiert, dass es regionalen Akteuren erlaubt, von nationalen Regeln abzuweichen, um Neues zu schaffen. Hilfreich wäre, wenn sich nicht jede Praxis um die Pflege der digitalen Infrastruktur kümmern müsste und es einen regionalen Support gäbe. Hilfreich wäre, wenn geklärt würde, wie unterschiedliche Berufsgruppen in einem primärmedizinischen Zentrum finanziert werden. Hilfreich wären Arbeitszeitordnungen, die es attraktiv machen, im ländlichen Raum zu arbeiten - ähnlich wie bei Offshorearbeitern, die 1-2 Wochen vor Ort sind und dann 4 Wochen frei haben - sie könnten in ihren freien Wochen digital erreichbar sein. Eine regionale digitale Plattform könnte es möglich machen, dass ein erster digitaler Kontakt zu einem Menschen ermöglicht wird, der das regionale Netzwerk kennt und nicht als anonymer Video-arzt auf den Malidiven antwortet. Hilfreich wären mobile Angebote: ein primärmedizinisches Team, das einmal in der Woche ins Dorf kommt, wäre besser für die kranken Kranken, als wenn sich jede Woche zwanzig Patienten auf den Weg in die nächste Stadt machen müssen. Das gemeinsame Ziel aller Maßnahmen sollte sein, ein Angebot zu machen, das gut genug ist und nah an der Lebenswirklichkeit der Hilfesuchenden Menschen ist.

 
Literatur

1.         Sandvik H, Hetlevik O, Blinkenberg J, Hunskaar S. Continuity in general practice as predictor of mortality, acute hospitalisation, and use of out-of-hours care: a registry-based observational study in Norway. Br J Gen Pract. 2021.

2.         AOK-Baden-Württemberg. Evaluation der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) 2025 [Available from: https://www.neueversorgung.de/images/PDF/2025_11_05_HZV-Evaluation-Broschuere.pdf.

3.         Kamps H. Gut für die gesunden Kranken. Dtsch Ärztebl. 2008;105(23):A1276--80.

4.         amazon one health  [Available from: https://health.amazon.com/onemedical.

 

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